Danke für diese Post und den Post über Angst. “Umdrehen zu können, ist ein Teil des Bergsteigens”. Wer umdrehen kann, hat viel erreicht. Habe gerade diesen Satz in der NZZ im Interview mit Simon Messner gelesen. (7.8.25) dabei kommt mir das Umtragen beim paddeln in den Sinn. Fühle ich mich nicht gut, müde, nicht in Form ist es manchmal wichtig zu sagen ich trage. Psychologisch kommt aber beim paddeln dazu, dass uns das an unsere früheren Zeiten erinnert. Vielleich ist es wichtig sich hier zu sagen ich kann’s aber heute nicht.
Warum Fortschritt im Paddeln nicht immer mehr Risiko bedeutet
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Vielleicht kennst du das aus deiner eigenen Paddelreise:
Am Anfang wollte ich vor allem sicherer werden – einen Anfänger Kajakkurs machen, um weniger Risiko einzugehen, mehr Technik zu lernen, Reserven aufzubauen und gefährliche Situationen zu vermeiden.
2002, Gail in Österreich – Maud am Ufer. Die Knie haben gezittert, der Respekt vor dem Wasser war riesig.
Doch mit jedem neuen Move, jedem sauberen Boof und jeder kontrollierten Kehrwasser-Ausfahrt wuchs mein Vertrauen. Schritt für Schritt traute ich mir mehr zu – und nahm dabei auch wieder mehr Risiko in Kauf, weil auf der nächsten Wildwasserstufe neue, grossartige Flüsse auf mich warteten.
Gerade heute, mit Instagram, YouTube und Paddler-Magazinen, sehe ich ständig, wie die Grenzen im Wildwasser immer weiter verschoben werden – coole Moves in noch steilerem oder wuchtigerem Wasser. Absolut beeindruckend! Ist es der Traum jedes Paddlers, diesen Sport bis ans Limit auszuschöpfen?
Warum wir uns pushen – laut Wissenschaft
Dopamin-Kick
Jedes Mal, wenn wir etwas Neues meistern, schüttet unser Gehirn Dopamin aus – das macht glücklich und süchtig nach der nächsten Herausforderung.
Flow-Erlebnis
Flow entsteht am Rand der Komfortzone: Die Aufgabe ist gerade anspruchsvoll genug, um uns zu fordern – aber nicht so schwer, dass wir überfordert sind. Dann erleben wir völligen Fokus, klares Denken und pures Glück. Genau dieses Gefühl wollen wir immer wieder.
Kompetenz-Gefühl
Laut der Self-Determination Theory wollen wir uns kompetent fühlen, selbst Entscheidungen treffen und Teil einer Gemeinschaft sein. Wildwasser-Ausflüge, Kurse und Reisen bieten genau das: Technik verbessern (Kompetenz), die eigene Linie wählen (Autonomie) und in einer unterstützenden Gruppe paddeln (soziale Eingebundenheit) – ob im Verein, mit Freunden oder mit der Kanuschule.
Evolutionäre Prägung
Unsere Vorfahren mussten sich steigern, um zu überleben – dieser innere Antrieb ist immer noch da, nur suchen wir ihn heute im Sport.
Ego & Status
Können bringt Anerkennung. Wer schwierige Linien fährt, bekommt Respekt – und manchmal schiebt uns das unbewusst zu mehr Risiko.
Vertikal oder Horizontal – beides hat Platz
Die Wissenschaft spricht hier von zwei Arten der Entwicklung:
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Vertikal – die Steilwand: höher, härter, wilder.
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Horizontal – die Hochebene: breiter, vielseitiger, tiefer.
Manche bleiben ihr Leben lang vertikal unterwegs und lieben den Kick. Andere entdecken irgendwann, dass auch die Hochebene spannende Wege bietet – ohne unbedingt härter zu fahren.
Beides hat seinen Wert. Die Frage ist: Was passt gerade zu dir?
2007, am Ganges in Indien – ein junger Paddler im Playboat, im Herz des heiligen Flusses.
Wachstum in der Breite – Ideen für dich
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Technik verfeinern: Gleiche Wildwasserstufe, aber eleganter, sauberer, kraftsparender.
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Mentale Stärke: Angst regulieren, Stress abbauen.
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Vielfalt paddeln: Playboating, Packraft, Kanu, mehrtägige Touren, internationale Kajakreisen, Expeditionen.
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Für andere fahren: Touren leiten, Sicherheit geben, Anfänger begleiten, Community aufbauen.
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Safety Skills: Retten, sichern, Szenarien üben – die ganze Gruppe profitiert.
Ecuador 2008 – Mehr als Wildwasser: Begegnungen, neue Kulturen und Wachsen in der Breite.
Vom Ich zum Wir
Manchmal spürt man: Es ist Zeit für einen Perspektivwechsel – von steil zu breit.
Es geht nicht mehr nur um den eigenen Fortschritt, sondern darum, den Sport mit anderen zu teilen und gemeinsam zu feiern. Manche Paddler machen sogar beides.
Zählst du nicht zu den „Vertikalen“, die ständig neue Limits pushen und den Felsen beim Boofen die Farbe abreiben? Kein Problem – in der Paddel-Community gibt’s viele andere Rollen: Tourenleiter, Technik-Coach, Event-Macher, Flusskultur-Pfleger oder einfach treues Vereinsmitglied.
Auch hier kannst du dich weiterentwickeln – auf dem Fluss und daneben, ohne ständig grosse Risiken einzugehen oder immer noch steiler zu müssen.
Die (persönliche) Frage an dich
Wovon träumst du?
Eine epische Kanureise nach Kanada?
Einmal die türkisfarbene Soča hinuntergleiten?
Ist es für dich ein Hobby, eine Leidenschaft – oder sogar ein Lebensstil? Und: Wie viel Risiko ist für dich noch okay – oder verschiebt sich diese Grenze mit der Zeit?
Welche neuen Rollen könntest du im Sport übernehmen, die dir Freude, Erfolg oder Erfüllung bringen? Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.
Über die Autorin: Maud Verboven
Seit 2009 gebe ich Wildwasserkurse und leite Kajakreisen für die Kanuschule Versam – von den Alpen über Slowenien und Frankreich bis nach Ecuador und Kolumbien. In meinen Kursen und Reisen vermittle ich Technik und Sicherheit mit dem Ziel, Paddler:innen sicherer, glücklicher und besser vernetzt aufs Wasser zu bringen.